Der Blog des Weinsnobs sorgt für Aufregung: Als vor etwas mehr als zwei Wochen ein Beitrag von mir in der bekannten Facebook Weingruppe Weinfreaks.de „geshared“ wurde, löste dies heftige Diskussionen aus. Worum gings? In meinem Beitrag über die Einkaufsregeln für Supermarktwein hatte ich es gewagt, das Wort „Industriewein“ in den Mund zu nehmen. In einem Nebensatz, by the way! Und schon entfachte ein Feuer, das nicht mehr zu löschen war. Das Resultat: die längste und kontroverseste Diskussion, die die Weinfreaks Gruppe je gekannt hat.

Was ist das Problem mit dem Wort „Industriewein“? Der Begriff war dem bekannten Weinblogger Dirk Würtz zu hart, zu negativ. Er präferierte das Wort „Massenwein“. Aber damit löste er das Problem nicht. Denn, und so ehrlich muss man dann doch sein: Massenwein klingt auch nicht gerade nach einem Kompliment. Das Problem ist ungleich komplexer. Denn sogar ein objektiver und beschreibender Begriff wie Supermarktwein, der lediglich Wein aus dem Supermarkt umfasst, hat für die meisten Aficionados einen negativen Beigeschmack. Denn als Weinfreak interessiert man sich erst gar nicht für diese Produkte. Alles Geschmacksache (ich trinke ja auch Wein, den ich beim Erzeuger gekauft habe), doch es gibt wirklich beeindruckende Flaschen im Einzelhandel. Der Vorwurf, mein Begriff sei zu negativ, ist einfach nicht fair: Ich darf nicht Industriewein sagen, doch gleichzeitig wird dann in der Diskussion heftig auf Supermarktwein rumgehackt.

Was verstehe ich unter Industriewein?

Zugegeben, es gibt noch keinen Wikipedia-Beitrag dazu, aber das heißt noch lange nicht, dass es diesen Begriff nicht gibt. Ein Industriewein ist, wie der Name es schon andeutet, ein Wein, der industriell hergestellt wird. Was soll man darunter verstehen? Wie Susanne Werth-Rosarius in der Diskussion richtig getan hat, man sollte bei der Definition von industrieller Fertigung anfangen. Es ist wohl Zeit das BWL-Vokabular auszupacken. Hier zitiere ich die oben genannte Dame.

Ein industrieller Prozess besteht aus den folgenden Charakteristiken:

–          Hoher Automatisierungsgrad

–          Standardisierte Abläufe

–          Hoher Einsatz von Maschinen

–          Geringer Einsatz von menschlicher Arbeitskraft.

Und es gibt sie, die Weine, die so hergestellt werden. Ein gutes Beispiel ist der Weingigant Ernest & Julio Gallo, dessen White Zinfandel ich unlängst auf diesem Blog beschrieben habe. Das Unternehmen aus Modesto, Kalifornien, ist mit seiner Jahresproduktion von 900 Millionen Flaschen der größte Weinhersteller der Welt.

Gallo Winery

Das gigantische Gebäudekomplex von Gallo in Modesto.
Photo: Flickr/phliar

Wie ist es denn überhaupt möglich, solche Massen herzustellen? Und das zu sehr kompetitiven Preisen? Ganz einfach: alles läuft standardisiert ab. Die Ernte erfolgt nicht von Hand, sondern maschinell (mit einer Art Mähdrescher für Reben). Der Wein wird in riesen Tankanlagen gelagert, wobei der Saft aus verschiedenen Lagen zusammenfließt. Wieso? Damit er massen- und somit supermarkttauglich ist, soll ein Industriewein jedes Jahr gleich schmecken. Hinter dem Ganzen steckt enorm viel Technik. Um zum Beispiel dem Risiko des zu hohen Alkoholgehalts entgegenzuwirken, wird der Alkohol künstlich aus dem Wein extrahiert und später teilweise wieder hinzugefügt. Wein herstellen wird so zu einer High-Tech-Wissenschaft und hat mit dem kleinen Privatwinzer und seinen 4 ha Anbaufläche irgendwo an der Obermosel wenig zu tun.

Nichts von Toskana Idylle, das Schaf, was auf den Terassen weidet und die Sonne, die den Trauben Kraft schenkt. Wenn der herkömmliche Weinfreak von dieser Art der Weinherstellung hört, graust es ihm. Doch was sich nach Industrie anhört, muss nicht schlecht sein. Denn es sind oft gerade die Weingiganten, die technische Neuerungen entwickeln, die nicht nur den Herstellungskosten, sondern auch der Natur zu Gute kommen. Unser Beispel, Gallo, war der erste amerikanische Weinbetrieb, der das ISO14001 Zertifikat (international anerkannte Umweltnorm) bekommen hat und überhaupt hat das Unternehmen eine absolute Vorreiterrolle im Bereich des umweltfreundlichen Weinbaus eingenommen.

Sind Gallo und co Industrie? Ja klar! Sind diese Weine schlecht? Sicher nicht! Ich beabsichtige sogar eine Serie über die Supermarktweine von Gallo zu schreiben. Für alle diejenigen, die sich doch für Weine interessieren, die allesamt gut schmecken und trotzdem günstig sind.